Anstelle einer Filmkritik – hinter die Kulissen geschaut

// Von Wassilis Aswestopoulos //

Am 2. Mai fand im Berliner Babylon die Premiere eines Films über Mikis Theodorakis statt. Der Film, der seit Donnerstag dieser Woche deutschlandweit in den Kinos ist, behandelt unter dem Titel „Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road“ mehr als dreißig Jahre aus dem Leben des griechischen Komponisten, Politikers und Schriftstellers Mikis Theodorakis.

Er ist das Ergebnis der Durchsichtung von mehr als 600 Stunden Filmmaterial und zahlreichen Zusatzszenen, welche vom Ehepaar Asteris und Ina Kutulas in einen Rahmen von sechzig Liedern des Komponisten und sechzig Geschichten gepackt wurden. Eine neutrale Kritik zum Film kann ich als Zulieferer von Ideen und Kameraaufnahmen für den Film nicht liefern. Allerdings bietet der Blick hinter die Kulissen die Gelegenheit, den experimentellen, geradezu anarchistisch konzipierten Film zu erklären.

Asteris Kutulas zeigt als Regisseur Theodorakis als schlacksigen Mann mit Krücke, der seine durch Folter erlittene Behinderung nicht hinnehmen möchte und die Krücke dafür schlicht wegwirft. Er zeigt Aufnahmen intimer und familiärer Momente aus dem Leben Theodorakis, die zum Zeitpunkt des Entstehens nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren.

Er lässt Theodorakis aus seinem Leben erzählen. Wir erfahren, dass der Kreter es als Kind – und auch als Erwachsener – nicht hinnehmen wollte, dass er nicht wie ein Vogel fliegen kann. Theodorakis hat einen Flugversuch als Kind mit zwei gebrochenen Armen bezahlt. Kutulas lässt dagegen die Werke seines Idols fliegen. Er präsentiert ein Kaleidoskop von Interpreten aus aller Welt, die in kurzen Szenen des Films insgesamt sechzig der Werke von Theodorakis, teilweise in ihrer eigenen Landessprache, aufführen. Den Meister selbst zeigt er unter anderem beim Singen von Schuberts „Lindenbaum“.

Der Film enthält auch komische Elemente. Er zeigt Theodorakis in Moskau, wo der kommunistische Politiker in Selbstironie eine „sowjetische Schokolade aus den sowjetischen Alpen“ – ein wohlbekanntes westliches Produkt mit lila Verpackung – in die Kamera hält. Dies alles könnte einen Dokumentarfilm über Theodorakis Konzertreisen darstellen, allerdings geht Kutulas Werk in eine andere Richtung. Er verbindet die Musik des Komponisten mit geschichtlichen Ereignissen. Dabei werden Diktaturen ebenso thematisiert, wie Wiederholungen diktatorischer Erlebnisse durch die Bürger in der jüngeren Geschichte.

Kutulas, der als Sohn griechischer politischer Flüchtlinge in der Deutschen Demokratischen Republik aufwuchs, thematisiert auch die deutsche und europäische Teilung. Er zeigt eine ihm von Simon Wiesenthal überlassene Zeichnung aus dem KZ und mahnt mit Wiesenthals Worten, dass die Nazis nicht nur wegen des Mordens verdammenswert seien, sondern auch weil sie die Menschenwürde mit Füßen getreten hätten. „Dance Fight Love Die“ ist in vielfacher Weise ein politischer Film, der mit Retrospektiven versucht, einen Bezug zur aktuellen Lage der Weltpolitik zu vermitteln.

Kutulas kombiniert seine aus Lebensmomenten von Theodorakis und Musikinterpretationen bestehenden Videosequenzen mit einer in Farbe gedrehten Rahmengeschichte, in der er Sandra von Ruffin und Stathis Papadopoulos in Stummfilmmanier die Szenen einer Liebesromanze und einer Ehe in all ihren Facetten durchspielen lässt.

Die Machart des Films ist in ihrer Kombination von Elementen eine Hommage an ein von Theodorakis selbst initiiertes Konzept einer „kulturellen Revolution“, mit welcher der Komponist in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das griechische Publikum aufrütteln und aufwecken wollte.

Kutulas hat dieses Konzept, welches er als jahrzehntelanger Wahlverwandter von Theodorakis kennengelernt hat, auf die Leinwand übertragen. Ebenso wie Theodorakis damals das Publikum emotional mit der Kombination von schauspielerischen Elementen, Musik und Gedichten erschütterte, wirkt auch Kutulas Film aufwühlend.

Theodorakis selbst hat die Entstehung des Films hautnah mitverfolgt. Er sah erste Schnittfassungen, kommentierte sie und gab Verbesserungsvorschläge. Zur Premiere nach Berlin wollte Theodorakis einreisen. Noch Ende April schmiedete der Komponist in seiner Wohnung begeistert Pläne für seine Deutschlandreise. Der knapp 93-jährige musste jedoch wegen gesundheitlicher Probleme kurzfristig absagen. Er schickte stattdessen ein Grußwort:

Es tut mir sehr leid, dass ich heute nicht in Berlin und an der Seite meines geliebten Freundes Asteris Kutulas sein kann. Bereits bei seiner ersten filmischen Arbeit, „Recycling Medea“, ich bemerkte seine besondere persönliche Sichtweise, welche wirklich eine glückliche Überraschung für mich war. Denn er hat mir völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten für mein Leben und meine Arbeit eröffnet. Ich versichere Ihnen, dass deren Akzeptanz nicht leicht für mich war – wegen des Umfangs meiner Arbeit und meines turbulenten Lebens durch die schwierigen Wege unserer modernen Geschichte. Und auch, weil ich meine eigenen, persönlichen Codes zur Philosophie und Ästhetik so entwickelt habe, wie sie durch meine Erfahrungen und Gedanken geformt wurden. Aber tatsächlich wurde ich durch die neue Sichtweise nicht abgestoßen, sondern im Gegenteil, sie hat mir neue Horizonte auf dem Gebiet der cineastischen Regie eröffnet. Sie hat mich geistig, psychisch und intellektuell bereichert, weil sie mir geholfen hat, mich und mein Werk erneuert, mit dem mutigen Bick des Heute und des Morgen zu sehen. Ich möchte ausdrücken, dass ich mit diesem Ansatz sehr jung bin, weil dadurch die vielen Jahrzehnte mit denen mich mein unbeugsames Leben belastet hat, geradezu nivelliert werden. Ich werde also mit meinen Gedanken an der Seite von Asteris und all seiner Mitarbeiter an dem Film sein.

Mikis Theodorakis

Es ist somit kein Film, den jemand in Erwartung einer Dokumentation oder eines Musikfilms besuchen sollte. Kutulas Regiearbeit ist keine leichte Kost. Es ist vielmehr ein allegorisches, geradezu lyrisches Werk für Theodorakis Fans, solche, die es werden wollen und für Zeitgenossen, die ein Interesse daran haben, die vielen Facetten der Seele eines Komponisten und deren Auswirkungen auf Interpreten und Publikum zu studieren.

Wassilis Aswestopoulos

Quelle https://www.heise.de/tp/features/Dance-Fight-Love-Die-With-Mikis-on-the-Road-4043739.html

Vom Autor Wassilis Aswestopoulos ist soeben die Neuauflage von Griechenland – Eine EUROpäische Tragödie: Die Hintergründe der Euro-Krise erschienen. (Wassilis Aswestopoulos)

WithMikisOnTheRoadSET9638©AstiMusicStellaKalafati

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