Kein Dokumentarfilm, sondern ein Dokument, besser ein Experiment… (Film-Kritik)

//Eine Film-Kritik von Jörg Gerle für „filmdienst.de“//

Am 29. Juli 2018 wird Mikis Theodorakis 93 Jahre alt. In der Öffentlichkeit ist der Grieche nur noch selten präsent. Allenfalls durch Kommentare zur politischen und gesellschaftlichen Lage der Nation, die er so sehr liebt und dessen musikalisches Sprachrohr über 60 Jahre er war und ist wie kein anderer. Die Welt kennt ihn vor allem durch einen Film: „Alexis Sorbas“ (fd 13 448). Sein Sirtaki hat dem Film und mithin der griechischen Lebensart eine Seele gegeben. Doch sein musikalisches Werk ist weit vielfältiger als die legendäre Tanzeinlage, durch die sich auch Anthony Quinn unsterblich in die Filmgeschichte eingeschrieben hat. Neben den Filmmusiken sind es Opern, Ballette, Tanztheater, Oratorien, Symphonien, Lieder und Hymnen, die den Künstler zum Nationalmusiker haben avancieren lassen.

All das interessiert Asteris Kutulas wenig. „Dance Fight Love Die“ ist kein Dokumentarfilm, sondern ein Dokument, besser ein Experiment. „3 Jahrzehnte, 4 Kontinente, 100 Drehorte, 600 Stunden Filmmaterial“, heißt es in der Pressemitteilung zum Film. Aus einem immensen Fundus hat sich der Regisseur bedient, hat, wie es der Untertitel des Films andeutet, Theodorakis auf seinem Weg von 1987 bis 2017 als stiller Beobachter begleitet. Entstanden ist eine Collage aus Filmschnipseln, vergilbten Dokumenten aus der Zeit, Statements innerhalb und außerhalb des Zusammenhangs, belanglosen Anekdoten, erdenschweren Aussagen. Putzige Versuche Theodorakis’ zu singen und zu tanzen kombinieren sich mit Konzertausschnitten und interpretatorischen Einlagen aus für den Film choreografierten Tanzeinlagen. Und immer wieder Ausschnitte aus seinem musikalischen Schaffen als verbindendes Element auf der Tonspur. Mal durch Einblendungen eingeordnet, mal freischwebend.

Um „Dance Fight Love Die” genießen zu können, muss man sich freimachen von dem Bedürfnis, informiert zu werden. Wer den Künstler nicht kennt, der wird ihn nach dem Film nicht besser verstehen. Kutulas sucht die assoziative Annäherung an ein Monument, indem er der narrativen Ebene völlig entsagt. So entsteht ein Bild, das sich im Diffusen gefällt, ohne Anspruch, nur mit einem Gefühl von Wehmut verhaftet, das so vielen Bildern innewohnt, die aus vergangener kämpferischer Zeit zu stammen scheinen. Man muss sich fallen lassen in das Patchwork aus visuellen Clips und musikalischen Sentenzen. Dann bleibt das Gesamtkunstwerk „Dance Fight Love Die“ nicht länger im Stückwerk verhaftet und gewinnt an Faszination.

So ist „Dance Fight Love Die“ Lichtjahre von dokumentarfilmischen Annährungen wie „Mikis Theodorakis. Composer“ entfernt, den Asteris Kutulas zusammen mit Klaus Salge 2011 fürs Fernsehprogramm von arte produzierte. Seine Qualität erschließt sich eher über Nebenwege: So wie man das große Ganze eines Panoramas erkennt, indem man ein wenig die Augen zusammenkneift, hat man hier allmählich doch das Gefühl, ein wenig mehr vom kauzigen Charakter Mikis Theodorakis’ zu erkennen.

Quelle: https://www.filmdienst.de/film/details/561439/dance-fight-love-die-with-mikis-theodorakis-on-the-road#kritik

StellaKalafati©ByAstiMusic_MG_9485

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