Eine heilige Kommunion – von Ioanna Karatzaferi

Die griechische Autorin und Filmwissenschaftlerin Ioanna Karatzaferi aus New York traf sich mit Regisseur Asteris Kutulas bei Mikis Theodorakis in Athen und sah sich eine Preview (private screening) von „Dance Fight Love Die“ an. Anschliessend veröffentlichte sie folgende Review auf diastixo.gr (Making of photo by Ina Kutulas with Kat Voltage):

Ioanna Karatzaferi
Das Geschenk

Mein Mobiltelefon klingelte. „Ich höre, du bist in Athen?“, fragte mich mein Freund Asteris Kutulas. Ich antwortete ihm: „Ja, aber ich fliege morgen zurück nach New York“. Asteris: „Großartig, komm zum Dionysos-Restaurant an der Akropolis. Ich hab ein Geschenk für dich.“ Wir trafen uns dort und gingen gemeinsam zu Mikis Theodorakis. Das war aus zwei Gründen außerordentlich, denn es kam erstens völlig überraschend, und zweitens war ich Mikis schon eine Ewigkeit nicht mehr begegnet. Dieser für mich völlig unerwartete Besuch bei ihm – das war das Geschenk, das Asteris mir am Telefon angekündigt hatte.
Aber dort passierte folgendes: Kutulas traf sich mit Theodorakis, um ihm eine neue Zwischenversion seines noch unfertigen Films „DANCE FIGHT LOVE DIE – Unterwegs mit Mikis“ zu zeigen. Und dieses Roadmovie von Asteris Kutulas über Mikis Theodorakis war es dann, das für mich an diesem Tag zum eigentlichen „Geschenk“ wurde.
Was ich auf dem Bildschirm sah, waren Aufnahmen von unzähligen Konzerten in verschiedenen Konzerthäusern, Stadien, Landschaften – mit Solisten, Orchestern und Bands aus der ganzen Welt. Gesichter von Zuschauern unterschiedlichster Nationalität. Interpreten verschiedenster Musikstile, die Theodorakis’ Lieder auf Griechisch oder in ihrer eigenen Sprache sangen oder die Melodien spielten – an zum Teil völlig „verrückten“ Orten, sogar hoch oben im Himalaya-Gebirge.
Wie „baut“ Asteris dieses Werk: Der Regisseur trifft eine intelligente Entscheidung und schneidet den Film aus 4- bis 6-minütigen Sequenzen zusammen, von denen uns jede eine bestimmte „Theodorakis-Episode“ wie im Zeitraffer vor Augen führt. So wird das Geschehen nicht von einem sonst oft zu beobachtenden krampfhaften Versuch eines Regisseurs dominiert, sich mit dem Porträtierten, in diesem Fall mit Mikis, gleichsetzen zu wollen. Es findet hier nicht die Errichtung eines Museums statt, sondern es geht um die musikalische Aktion.
Fasziniert folgte ich dem Filmgeschehen und begegnete dabei zwei Schöpfern – dem Komponisten und dem Regisseur –, die sich niemals zwischen mich und das jedesmal andere Publikum und die Interpreten drängten.
Theodorakis verfolgte bei unserem Treffen das, was sich auf der Leinwand abspielte, mit einem strahlenden Lächeln. Er war sichtlich erfreut darüber, dass diese unzähligen musikalischen Ereignisse aus so vielen verschiedenen Perioden seines Lebens, die an so vielen Orten stattgefunden hatten, vor seinen Augen Revue passierten. Ab und an schaute ich zu Theodorakis hinüber und versetzte mich in ihn hinein. Dabei kam es mir so vor, als würde sein „Kosmos“ eine immer größere Dimension annehmen, als würde Theodorakis zu einem Wesen, das sich wieder und wieder fliegend erhebt und die ganze Welt mit seiner Musik jedesmal neu umarmt. Und im selben Augenblick folgt ihm jedesmal Kutulas mit seiner Kamera und fängt das Geschehen ein.
Insgesamt ist der Film beeindruckend, sowohl in künstlerischer als auch in technischer Hinsicht. Mikis’ und Asteris’ Werk – sie begegneten einander und verschmolzen zu einem harten, unzerstörbaren, leuchtenden, weil gut geschliffenen Diamanten. Sowohl dieser Film von Kutulas als auch sein zuvor entstandener Filmessay „Recycling Medea“, in welchem er seine „eigene Medea“ offenbarte – sie schenken mir eine neue Hoffnung für das zukünftige Filmschaffen; eine Hoffnung auf Filme ohne pausenloses Waffengerassel, Filme, die nicht ausschließlich fürchterliche Verbrechen zeigen, in denen nicht nur ununterbrochen Schlachtrufe erklingen oder katastrophale Invasionen zu erleben sind.
Das Geschenk dieses Films wurde ein immer umfassenderes und es hob in den Himmel ab. Theodorakis sagt darin an einer Stelle, dass er als kleines Kind wie ein Vogel fliegen wollte. Er wollte hinauf, zu den Sternen. Er konnte aber nicht begreifen, warum das nicht nur nicht gelang, sondern ganz und gar unmöglich war.
Mikis und mich begeisterte dieser Film, den wir zum Zeitpunkt eines schon sehr weit fortgeschrittenen Entstehungsprozesses hatten sehen können. Am Ende applaudierte ich beiden, dem Komponisten und dem Regisseur. Das war nicht nur einfach ein Geschenk gewesen, was sie mir hatten zuteil werden lassen. Das war eine heilige Kommunion.

Übersetzt von Sofia Athanassaki

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